Das nächste Wildwuchs Festival findet statt vom 27. Mai bis 6. Juni 2021.

Martin, Wildwuchs feiert in diesem Jahr sein 20jähriges Bestehen. Du warst von Anfang an mit dabei. Wie ist die Idee zu diesem Festival entstanden?

Es gab bereits Vorläufer des Festivals. 1992 haben wir die Idee eines dreitägigen inklusiven Stadtfests auf dem Barfüsserplatz entwickelt und umgesetzt – für Menschen mit und ohne eine Behinderung. Es hiess «zämme läbe - zämme feschte». Das hat unglaublich gut funktioniert: ein wunderbarer, vielfältiger Mix von unterschiedlichsten Menschen, die zusammen Kunst machen und feiern. Aufgrund dieser positiven Erfahrung haben wir das dann im Sommer 1995 wiederholt. Aber diesmal nicht nur in Basel, sondern sogar gleichzeitig an einem Wochenende in zwölf verschiedenen Schweizer Städten! Daraus hat sich eine tolle Dynamik entwickelt und wir konnten 1998 im Rahmen des Jubiläums «150 Jahre Bundesstaat Schweiz» das grosse Basler Stadtfest unter das Motto «zämme läbe, - zämme feschte» stellen – und auch hier dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen mit Behinderung als Publikum eingeladen wurden, aber auch als Akteurinnen und Akteure auftraten.

Aus diesen Stadtfesten hat sich dann die Idee eines biennalen Festivals entwickelt. Wie kam es dazu?

Ich denke, es gab aufgrund dieser inspirierenden Erfahrungen plötzlich immer mehr Künstlerinnen und Künstler, die gemerkt haben: Ja, das ist ein spannendes neues Thema, mit Menschen mit einer Behinderung in Kontakt zu treten und mit ihnen gemeinsam Musik zu machen oder zu tanzen oder Theater zu spielen. Und von denen wurde dann die Idee initiiert, man könnte doch ein regelmässiges Festival machen. Wir nannten es Wildwuchs. Wir haben dabei an unterschiedlichste Blumen und Pflanzen gedacht – auch an sogenanntes Unkraut, das unerwartet aus allen Ritzen hervorkommen und sogar die Trottoirs aufknacken kann – und dann anfängt, in seiner ganzen Pracht und Schönheit zu blühen.



Die erste Wildwuchs Ausgabe fand ja 2001 statt unter der Künstlerischen Leitung von Sibylle Ott.

Genau. In den ersten Jahren wurde vor allem Kunst von und mit Menschen mit einer Behinderung gezeigt. Da gab es von Anfang an ein tolles Programm mit vielen Beiträgen von verschiedenen Institutionen, die eingeladen waren, speziell für das Festival etwas vorzubereiten. Aber es gab auch schon damals viele spannende internationale Gastspiele.
Das Festival war sehr familiär und das Gesellige war von Anfang an sehr wichtig, die Begegnung. Zeit haben, sich kennen zu lernen. Das blieb auch in den folgenden Jahren wichtig. Nach dem vierten Festival hat Sibylle Ott die Leitung weitergegeben, um neue Aufgaben zu übernehmen.


2012 wurde Gunda Zeeb als ihre Nachfolgerin engagiert. Wie hat sich das Festival unter ihrer künstlerischen Leitung weiterentwickelt?

Unter Gundas Leitung haben wir begonnen, uns verstärkt auch anderen Zielgruppen zuzuwenden, die vom Kulturleben häufig ausgeschlossen werden. Alte Menschen zum Beispiel. Menschen mit Migrationshintergrund. Frauen. Themen wie Diversität, Inklusion, Teilhabe, Ausschluss sind stärker in den Fokus gerückt. Das hat Wildwuchs neue Perspektiven eröffnet und natürlich auch das künstlerische Programm geprägt. Gunda hat über zahlreiche internationale Kooperationen erreicht, dass ganz viele grossartige Produktionen zu diesen Themen in Basel gezeigt werden konnten. In der Zusammenarbeit mit den Behinderten-Institutionen haben wir geschaut, dass die Performenden vermehrt mit professionellen Künstler*innen zusammenarbeiten konnten, die das Potential dieser Menschen entdecken, fördern und zeigen konnten.

Und dann gab es eine weitere grössere Veränderung. 2018 wurde Wildwuchs unterwegs ins Leben gerufen.

Ja, wir haben gemerkt, dass die biennalen Festivals zwar toll sind, dass man da sehr viel Energie aufbauen und Kooperationen schmieden kann. Aber dann, wenn das Festival vorbei ist, gibt es ein einjähriges Loch. Ganz viel Energie und ganz viel Netzwerk geht da wieder verloren. Und da sind wir auf die Idee gekommen, dass wir unbedingt die Zeit zwischen den Festivals auch bespielen müssen. Mit Wildwuchs unterwegs gehen wir entweder an alternative Kulturorte wie die Markthalle oder direkt zu den Institutionen, in die Altersheime zum Beispiel, in die psychiatrische Klinik oder ins Elim, wo Suchtkranke, Flüchtlinge, Bedürftige und Menschen, die einfach mal jemanden zum Reden brauchen, leben. Wir suchen die Menschen auf, lernen sie kennen und entwickeln mit ihnen zusammen etwas, bei dem sie im Zentrum stehen und sich von Anfang an eingeben und damit identifizieren können. Seither sind viele tolle Teilhabeprojekte entstanden und es hat uns unzählige spannende neue Kontakte beschert. Wildwuchs unterwegs ermöglicht uns, dass wir auch unter dem Jahr eine gute Präsenz haben und unsere Themen gesehen und gehört werden.

Mit dem Jubiläumsfestival 2021 ist Wildwuchs nun wieder an einem Meilenstein angekommen. Gibt es denn schon Pläne für die Zukunft?

Ja! In den nächsten Jahren wollen wir versuchen, die Sichtbarkeit der Menschen noch weiter zu erhöhen, für die wir uns engagieren und die uns interessieren. Auch innerhalb unserer eigenen Strukturen. Das heisst, wir planen, mehr Menschen mit Diskriminierungserfahrung auch im Vorstand, im künstlerischen Leitungsteam und in der Kuration von Wildwuchs einzusetzen.

Wenn Du zurückschaust auf 20 Jahre Wildwuchs: Was ist Dein persönliches Fazit?

Für mich ist eigentlich das Wichtigste, dass ich immer noch Spass habe an Wildwuchs. Und das hat damit zu tun, dass die Menschen, mit denen wir nun schon seit 20 Jahren zusammenarbeiten, so ausserordentlich sind. Die Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen Ausschluss dieser Menschen und ihren Potentialen – das ist das, was mich eigentlich immer noch herausfordert, antreibt und dann aber eben auch in den Begegnungen so glücklich macht. Und deshalb bin ich ein 200prozentiger Wildwuchs Fan und werde es wohl auch immer bleiben. Weil ich hier ganz viele Dinge finde, von denen ich immer geträumt habe – bei Wildwuchs passieren sie.