Das Wildwuchs Festival 2021 findet statt vom 27. Mai bis 6. Juni.

Gunda, Wildwuchs feiert in diesem Jahr 20jähriges Bestehen, seit 2012 unter Deiner künstlerischen Leitung. Wie hat sich das Festival in dieser Zeit verändert?

Wir haben das künstlerische und inhaltliche Spektrum des Festivals dahingehend erweitert, dass Projekte aus verschiedensten Bereichen darin Platz haben. Also auch Projekte mit alten Menschen oder von Menschen mit Fluchterfahrung zum Beispiel. Ein wichtiges weiteres Thema ist die soziale oder finanzielle «Behinderung» geworden. Zudem haben wir gezielt Kooperationen mit unterschiedlichsten Institutionen wie den Universitären Psychiatrischen Kliniken oder der Kunsthalle Basel gesucht. Ein anderer Aspekt ist, dass wir vermehrt aus dem Theater herausgegangen sind. Wir haben die Menschen dort aufgesucht, wo sie sich befinden: in Einrichtungen, in Spitälern, in Altersheimen. Gemeinsam mit einzelnen Künstler:innen haben wir Projekte vor Ort gezeigt oder auch dort gemeinsam entwickelt. Daran knüpfen wir in dieser Festival-Ausgabe an. Wir besuchen unterschiedliche Institutionen mit Projekten aus unserem Solo-Festival.

Spürst Du einen veränderten Umgang mit dem Thema Inklusion in der Gesellschaft und im Kulturbereich?

Vor allem im Kulturbereich hat sich in den letzten 10 Jahren sehr viel getan. Als ich 2012 bei Wildwuchs begann, waren weder Kunstschaffende mit einer Beeinträchtigung noch Themen wie Zugänglichkeit, Audio-Deskriptionen oder Induktions-Schleifen in den Programmen der Theater oder Museen häufig zu sehen oder lesen. Heute werden Zugang und Diversität in allen Kultur-Einrichtungen und langsam auch bei den Förderern gross geschrieben. Kaum ein Theater, kaum ein Festival, das nicht diverse Künstler:innen und inklusive Themen auf seinen Bühnen zeigt oder verhandelt. Auch treten Kunst-Schaffende mit einer Behinderung mit einer anderen Selbstverständlichkeit auf als noch vor einigen Jahren. Das ist eine wichtige Entwicklung. Weniger deutlich sehe ich einen veränderten Umgang mit Inklusion in der Gesellschaft. Seit 2014 hat die Schweiz die UN Behindertenrechts-Konvention ratifiziert, aber viele Bestandteile dieser Konvention werden bisher nicht ausreichend umgesetzt wie ein 3 Jahre später veröffentlichter Schatten-Bericht offen legt.

Ende April wird das Festival-Programm publiziert. Als Vorgeschmack wurden schon einige Veranstaltungen auf der Webpage angekündigt. Kannst Du etwas über das Solo-Festival verraten, mit dem das Festival ja eröffnen soll?

Als wir im letzten Jahr anfingen, das Programm zusammen zu stellen, war uns klar, dass wir die Pandemie-Situation in irgendeiner Form reflektieren wollten. Anstatt aber nun Produktionen zum Thema Corona zu suchen, haben wir – Mirjam Gasser, Manuel Gerst und ich als Programm-Gruppe des Festivals – eine formale Themensetzung entwickelt: Einsamkeit – Solidarität – Gemeinschaft, 1-2-3 und schon war das Solo-Festival zum Festival-Start geboren. Über eine öffentliche Ausschreibung haben wir Projekte gesucht, die aufgrund von Corona bisher nicht oder zu wenig zur Aufführung gekommen sind. Erreicht haben uns über 100 Projekt-Vorschläge, aus denen wir aufgrund der gegenwärtigen Situation leider nur eine kleine Anzahl einladen konnten.

Und was geschieht, wenn der Bundesrat Mitte April keine Veranstaltungen zulässt?

Dann sind wir erstmal alle ziemlich traurig, da die Arbeit von über einem Jahr kaum Früchte tragen darf. Aber wir stecken den Kopf nicht in den Sand, sondern zaubern unser Alternativ-Programm aus der Tasche und kommen mit unserer Kunst zum Publikum: vor die Haustür, in den Garten, auf den Bildschirm oder ins Ohr. Wobei für uns weiterhin die analoge Begegnung – wo eben möglich – im Zentrum steht und wir keinesfalls zu einem Digital-Festival mutieren werden.

Wie ist es, inmitten einer Pandemie ein Festival zu programmieren? Was sind besondere Herausforderungen?

Man muss eine gewisse Gelassenheit an den Tag legen. Wir können selbst ja wenig an den Bedingungen ändern und sind von Entscheidungen Dritter extrem abhängig. Besondere Herausforderungen bestehen vor allem darin, immer wieder umzudenken, Alternativen zu entwickeln, die sowohl für die Kunst als auch für das Publikum weiterhin eine Bereicherung darstellen. So haben wir z.B. für das Solo-Festival nun eine besondere Bühnen-Situation angedacht, um sowohl die Künstler:innen auf der Bühne als auch die Zuschauenden ausreichend zu schützen und dennoch einen besonderen Theater-Moment zu ermöglichen. Eine weitere Herausforderung besteht darin, beteiligte Künstler:innen und das Festival-Team bei der Stange zu halten, weiter für die Sache zu motivieren und nicht die Lust zu verlieren. Einige von uns kennen sich nur per Zoom, ein Teil unseres neu formierten Teams hat sich überhaupt noch nie live gesehen...

Diese Festivalausgabe wird Deine letzte sein. Was sind die Gründe, dass Du weiterziehst?

Nach knapp 10 Jahren und 5 Festival-Ausgaben ist es an der Zeit, an ein neues Leitungs-Team zu übergeben. Sonst wird man nur bequem und fängt an sich zu wiederholen. Wir haben das Festival in den letzten Jahren gut aufgestellt – sowohl auf inhaltlicher als auch auf finanzieller Ebene – so dass wir es mit gutem Gewissen weitergeben können. Auch finde ich, dass ein Festival, das sich so dezidiert als Sprachrohr von unterschiedlichsten Minderheiten positioniert, auch auf struktureller Ebene von einem diversen Team geführt werden sollte.

Was wünscht Du Wildwuchs zum 20jährigen Jubiläum?

Natürlich vor allem, dass es wie geplant stattfinden kann. Und dann auch das, was man Jubiliarinnen sonst auch wünscht: Gesundheit, Glück und Lebensfreude!